Mittwoch, 17. August, 20 Uhr


Themenabend
Alter und Gesellschaft


Berner GenerationenHaus, Bahnhofplatz 2
Lesungen mit Franz Hohler und Annette Pehnt.
Anschliessendes Gespräch mit Franz Hohler, Annette Pehnt und Elisabeth Schlumpf.
Moderation: Jennifer Khakshouri
Eintritt: CHF 20.–

Die westeuropäische Gesellschaft wird in den nächsten Jahrzehnten stark altern. Ein Phänomen, das den demografischen Wandel darstellt und uns in Zukunft beschäftigen wird. Aus diesem Grund widmet das Berner Literaturfest diesem Thema einen Schwerpunkt. Wir erachten es als wichtig, dass das Thema «Alter und Altern in der Gesellschaft» eine Öffentlichkeit erhält. Erstmals arbeitet das Literaturfest auch aus diesem Grund mit dem Berner GenerationenHaus am Bahnhofsplatz zusammen.
Wenn wir das Alter stigmatisieren und ausgrenzen, schaffen wir damit zugleich die Jugend ab, denn wenn wir Erfahrung und Erinnerung, das Gedächtnis der Toten und das Bewusstsein davon, dass wir sind, wer wir sind, weil wir eine Vergangenheit und eine Geschichte haben – all das also, was wir normalerweise dem Alter zuordnen – so radikal entwerten, wie es zurzeit geschieht, dann nehmen wir uns selbst auch die Möglichkeit der Zukunft. Dann schliessen wir uns ein ins Gefängnis einer Gegenwart ohne Tiefe und Grund. Dann ist die Zeit aus den Fugen.
Es scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein, unsere Lebenszeit in Epochen zu unterteilen. Kindheit, Erwachsensein und Alter unterscheidet die Sphinx in ihrem Rätsel, das Ödipus löst; und auch wenn mit den Teens, Twens, den Middle und Best Agern inzwischen einige Phasen dazugekommen sein mögen, so setzen alle diese Lebensabschnitte eine Unterscheidung voraus: die von Jung und Alt. Ein Teen ist jünger als ein Twen, denn die Zeit vergeht, der Organismus altert.
Wir müssen alt werden, damit wir die Jungen zu Erben der Geschichte machen können. Andernfalls machen wir sie zu Waisen, denen die Vergangenheit kein Vermächtnis, sondern eine fremde, unverständliche Welt ist. Und die Zukunft nichts, worauf sie sich berufen und beziehen könnten.
Heutzutage ist es nicht mehr möglich, ein Individuum einer Lebensphase sicher zuzuordnen. Das Wissen um das Geburtsdatum genügt nicht, um über Jugend und Alter zu entscheiden. Vom Augenschein aufs Alter oder vom Alter aufs Aussehen zu schliessen, ist zu einer heiklen Angelegenheit geworden. Die Sphinx könnte Ödipus heute leicht in Verlegenheit bringen, denn nicht jeder Alte benötigt einen Stock als dritten Fuss, und manchen trifft man im Fitness-Studio auf allen vieren bei Liegestützen. Die Generationengrenzen zerfliessen; die grösseren Teile der menschlichen Population haben sich in eine «jüngere» Spezies verwandelt: jünger im Aussehen und Verhalten, in Mentalität und Lebensstil, vor allem aber in ihren Wünschen und Sehnsüchten.
Hinter dieser Feststellung steht die Beobachtung einer enormen Beschleunigung kultureller Veränderung, die dazu geführt hat, dass kaum ein Älterer heute mehr eine Vorstellung davon hat, was es bedeutet, heute Kind, Jugendlicher oder ein junger Erwachsener zu sein und deshalb auch selten ein Älterer diesen jungen Leuten irgendeinen Rat geben kann.
Bereits fünf oder zehn Jahre Altersunterschied bilden heute einen unüberbrückbaren psychologischen, sozialen, sprachlichen, kulturellen Abgrund, denn nur eine gemeinsame Welt bietet den Menschen, was ihr gemeinsames Menschsein am meisten verlangt, nämlich einen Sinn für den Zusammenhalt zwischen den Lebenden, den Toten und den Ungeborenen.

In der wissenschaftlichen Theorie ebenso wie in der gesellschaftlichen Wahrnehmung wird das Alter viel zu selten mit Möglichkeiten zur kreativen Problemlösung und Lebensgestaltung verbunden.



Elisabeth Schlumpf, Dipl. Psychologin FH, führt seit 1978 in Zürich eine eigene Praxis für Erwachsene, Paare und Familien. Zudem Supervisions-, Lehr- und Vortragstätigkeit.